achtsam leben:

integrale Achtsamkeitspraxis

Achtsamkeit bei psychotischer Symptomatik

Wenn intensive Formen der Meditation Psychosen auslösen können, wenn sich in tiefen meditativen Erfahrungen die Ich-Grenzen aufzulösen scheinen, wenn buddhistische Lehre das Erfassen der Realität überhaupt in Frage stellen, dann klingt es paradox, dass Achtsamkeit für Menschen mit den Symptomen einer Psychose sogar heilsam sein kann. So wie Achtsamkeit in psychotherapeutischen Kontexten vermittelt wird, kann sie aber durchaus ich-stärkend wirken, Orientierung geben und das Leiden lindern, das mit der psychotischen Symptomatik verbunden ist.

Speziell bei chronischen Psychosen, bei denen innere Stimmen das Leben vieler Menschen massiv beeinträchtigen und belasten, kann die Achtsamkeit in ähnlicher Weise wirken wie die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie beim depressiven Gedankenkreisen. Menschen, die Stimmen hören, können lernen, diesen auf neue Weise zu begegnen. Abba und Mitarbeiter (2008) beschreiben auf der Basis von Interviews der Gruppenteilnehmer einen dreistufigen Prozess: Zunächst geht es darum, sich zu verankern und zu zentrieren, etwa indem man sich auf den Atem oder bestimmte Körperteile konzentriert. Aus dieser Position heraus öffnet man sich gegenüber den Symptomen der Psychose, und erlaubt den Stimmen, Gedanken und Bildern zu kommen und wieder zu gehen, ohne auf sie zu reagieren oder gegen sie anzukämpfen. Am Beginn dieses Schrittes geht es durchaus darum, die eigenen Reaktionen zu erkennen und sie von den zu Grunde liegenden Phänomenen zu unterscheiden. Dies hilft stressauslösende Automatismen zu erkennen und zu unterbrechen. Auf der dritten Stufe wird erfahrbar, dass man in eine völlig neue Beziehung zur Psychose tritt, indem man sie und sich selbst akzeptiert und ihr keine ;Macht mehr gibt, sondern sich vielmehr wieder selbst ermächtigt, auf die Symptome zu reagieren oder eben auch nicht.

Ed Shonin und seine Mitarbeiter (2014) geben einen Überblick über sechs Studien, in denen in Einzelfällen intensive Meditation zur Auslösung von Psychosen beigetragen haben soll. Sie leiten daraus folgende Empfehlungen ab, gruppenbasierte Achtsamkeitsprogramme für Menschen mit Psychosen zu modifizieren: Die Dauer von angeleiteten Übungen sollte kürzer sein als in den sonst üblichen Programmen, d. h. maximal 15 Minuten dauern; man möge längere Perioden der Stille vermeiden; hilfreich seien zusätzliche Anleitungen sich zu ankern, wie etwa den Atem zu zählen oder der Bodyscan; die Gruppen sollten kleiner sein, d. h. maximal zehn Teilnehmer pro Gruppenleiter mit der Möglichkeit, indivuduell auf die einzelnen Teilnehmer eingehen zu können; explizit aufdeckende und einsichtsorientierte Techniken seien zu vermeiden; die Gruppenleiter sollten im Umgang mit Achtsamkeit und Gruppen erfahren sein und über eigene Achtsamkeitspraxis verfügen; die Behandlungen sollten sich über einen längeren Zeitraum erstrecken als in einigen Studien, in denen die Gruppen lediglich vier bis zwölf Wochen dauerten.

Wirksamkeitsstudien der Akzeptanz-und Commitment Therapie bei Menschen mit Psychosen belegen, dass etwa die Häufigkeit von Krankenhausaufenthalten im Vergleich zur Kontrollgruppe abnimmt. Als Wirkmechanismus wird die Erhöhung der kognitiven Flexibilität genannt. Der Distress, der aus den Halluzinationen erwächst, reduziert sich, wenn deren Glaubhaftgkeit als Folge der der Defusion bzw. der Disidentifikation abnimmt. In der statistischen Analyse erwies sich als Mediator für die positiven Veränderungen nicht die Frequenz der Halluzinationen, sondern der Perspektivenwechsel, auf den die achtsamkeitsbasierten Therapien abzielen (Gaudiano et al. 2010).

Auch ein modifiziertes MBCT-Programm wurde mit Erfolg angewandt (Langer et al. 2012). Vielversprechend ist auch eine Studie, in der Stimmen hörende Menschen an einem Mitgefühlstraining teilnahmen. Es reduzierten sich Angst, Depression und andere Parameter und die Stimmen wurden weniger bösartig, weniger verfolgend und beruhigender (Mayhew u. Gilbert 2008).

 

  • Abba N, Chadwick P, Stevenson C. Responding mindfully to distressing psychosis: A grounded theory analysis. Psychother Res 2008; 18(1): 77–87.
  • Gaudiano BA, Herbert JD, Hayes SC. Is it the symptom or the relation to it? Investigating potential mediators of change in acceptance and commitment therapy for psychosis. Behav Ther 2010; 41(4): 543–54.
  • Langer AI, Cangas AJ, Salcedo E, Fuentes B. Applying mindfulness therapy in a group of psychotic individuals: A controlled study. Behav Cogn Psychother 2012; 40(1): 105–9.
  • Mayhew SL, Gilbert P (2008) Compassionate mind training with people who hear malevolent voices: a case series report. Clin Psychol Psychother 15(2): 113–38.
  • Shonin E, van Gordon W, Griffiths MD. Do mindfulness-based therapies have a role in the treatment of psychosis? Aust N Z J Psychiatry 2014; 48(2): 124–7.
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