achtsam leben:

integrale Achtsamkeitspraxis

Integrative Behavioral Couple Therapy (IBCT)

Analog den drei Entwicklungsstufen in der Verhaltenstherapie (VT) entwickelte sich auch die Paartherapie in der VT.

1. Die traditionelle Verhaltens-Paartherapie (TBCT) fokussiert auf spezifisches Verhalten der Partner und nimmt an, dass Verhaltensänderungen zu Veränderungen des Denkens und der Gefühle führen.
Sie instruiert, trainiert erwünschtes Verhalten und führt Regeln ein.

2. Die kognitive Verhaltens-Paartherapie (CBCT) fokussiert auf Veränderung des Denkens, auf „kognitive Umstrukturierung“ und vertraut darauf, dass daraus Veränderungen des Verhaltens und der Gefühle folgen.

3. Die integrative Verhaltens-Paartherapie (IBCT) fokussiert auf gefühlsmäßige Reaktonen der Partner, zielt auf Akzeptanz, gibt kein „Soll“ vor. Sie geht von verschiedenen Grundannahmen aus: Jeder Partner hat Gefühle, diese sind nachvollziehbar; jeder hat eine Geschichte, die Sinn macht; jeder hat seine individuelle „Wahrheit“ bezüglich Beziehungen; jeder Partner hat eine Position gegenüber einem Problem, die wert ist, Aufmerksamkeit zu bekommen und überlegt zu werden.

IBCT versucht einen Rahmen zu schaffen, in dem die Partner spontan und auf natürliche Weise lernen, einander zu akzeptieren. Ebenso verändern sich in der Folge Denken und Verhalten.

Das Paarproblem wird (gemeinsam) aus mehreren Komponenten bestehend formuliert und damit ein neues Konzept eingeführt:

  1. Das zentrale Thema des Paarkonflikts wird herausgearbeitet, das sich durch die Unterschiedlichkeiten bzw. Unverträglichkeiten der Partner (z.B. sehr unterschiedliche Bindungs- bzw. Autonomiewünsche) ergibt.
  2. Die individuellen sensiblen oder „wunden“ Punkte bzw. Verletzlichkeiten, werden als Folge von Konstitution und Lebenserfahrungen gesehen und erforscht (z.B. gegenüber Nichtbeachtung oder Kritik).
  3. Die Bewältigungsstrategien der beiden Partner werden auf ihre Funktionalität untersucht. Oft kann herausgefunden werden, dass Lösungsversuche des „primären Problems“ zu zusätzlichen, „sekundären“ Problemen werden und zu einer weiteren Polarisierung führen.
  4. Durch erfolglose Lösungsversuche entstehen häufig Gefühle von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit, von „stecken bleiben“. Diese führen zu einer erhöhten Anstrengung, und je angestrengter die Versuche sind, sich oder den anderen zu verändern, umso schlimmer wird das Problem, umso größer die Verzweiflung.

Die drei grundlegenden Herangehensweisen der IBCT sind:

  • Empathetic Joining: Der Therapeut fokussiert auf Gefühle, die normalerweise nicht ausgedrückt werden, weil diese entweder nicht bewusst sind oder verletzlich machen, wie z.B. Enttäuschung, Verleugnung, Verletztheit, Verwirrung, Unsicherheit, Zweifel. Ein bestimmtes Verhalten kann dann beispielsweise als Selbstschutz und damit weniger als Angriff verstanden werden.
  • Unified Detachment: Distanzierung vom Problem durch „objektive“, intellektuelle Betrachtung. „Die Brille aufsetzen“ und beobachten wie die „Schlacht“ läuft. Gemeinsam Beziehungsdetektiv spielen und erforschen, welche Auslöser zu welchen Reaktionen führen. Herausfinden, was hilft, wieder herauszukommen. Dies gelingt mit Metaphern, Namensgebung für das Problem und Humor. Weg und Ziel ist die Entwicklung von „relationship mindfulness“, einer achtsamen, d.h. nicht wertenden Beobachtung von negativen Rollen in Beziehungen und von Interaktionsmustern, aber auch von inneren Vorgängen in beiden Partnern.
  • Tolerance Building: Die Grundannahme ist, dass es immer bedeutsame Unterschiede zwischen den Partnern gibt, und dass diese zu Problemen führen, die nie komplett beseitigt werden können. Ziel ist also mehr ein guter Umgang mit den Problemen, weniger deren Lösung. Ziel ist mehr die Erholung von den Problemen als deren Verhinderung. „Tolerance Building“ führt zum Ziel der Akzeptanz von Problemen. Eine Strategie dies zu erreichen ist die bewusst eingeladene Inszenierung des Problems in der Therapiesituation bzw. auch zu Hause; dies zu einem Zeitpunkt, zu dem dieses Problem nicht akut besteht, d.h. eine Distanzierung leichter möglich ist und Verhaltensweisen eher variiert werden können. Andere Strategien sind, die positiven Seiten der Unterschiede herauszuarbeiten, bzw. ihre Funktion im Sinne von Ausgewogenheit zu verstehen.

IBCT glaubt daran, dass Arbeit an Akzeptanz UND Veränderung nötig ist. Häufig beginnt eine Therapie mit „Akzeptanz-Strategien“, um die Partner erst für eine Zusammenarbeit in Richtung Veränderung zu gewinnen. IBCT verändert so wenig wie möglich, hofft aber darauf, dass einige wenige wesentliche Veränderungen nachhaltige Auswirkungen haben.

Studien ergaben dass IBCT wirksam ist (z.B. Zufriedenheit der Partner auch noch nach zwei Jahren), im Vergleich teilweise wirksamer als TBCT. (Jacobson et al. 2000 [pdf-download] bzw. Doss et al. 2005 und Christensen et al. 2006)

nach: Christensen, A et al (2004) Acceptance, Mindfulness an Change in Couple Therapy. In: Hayes, SC et al: Mindfulness and Acceptance. New York, London: Guilford Press

 

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