achtsam leben:

integrale Achtsamkeitspraxis

Wurzeln der Achtsamkeit

Achtsamkeit- so wie sie heutzutage verstanden wird – bezieht sich auf unterschiedliche Wurzeln: Im Zentrum stehen der Buddhismus und die Vipassana-Praxis, wobei der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh – der Gründer des „engagierten Buddhismus“ – viel zur Verbreitung von Achtsamkeit im Westen beigetragen hat. Viele Achtsamkeits-Programme beziehen auch Yoga-Praktiken mit ein.

 

Buddhismus

Achtsamkeit ist das „Herzstück“ der buddhistischen Lehre und findet sich wiederholt in den Schriften als Teil des edlen achtfachen Pfad als Weg zur Aufhebung von Leiden

1. Rechte Anschauung, Erkenntnis Einsicht, Wissen, Weisheit
2. Rechtes Denken
3. Rechte Rede Ethik, Sittlichkeit
4. Rechte Handlung
5. Rechter Lebenserwerb
6. Rechte Anstrengung Sammlung, Vertiefung
7. Rechte Achtsamkeit
8. Rechtes sich versenken

als eine von sieben Erleuchtungsfaktoren zur Befreiung des Geistes

1. Achtsamkeit
2. Ergründung der Gesetzmäßigkeit, Wahrheitsergründung
3. Willenskraft, Beharrlichkeit
4. Verzückung, Freude, Begeisterung
5. Gestilltheit, Gelassenheit
6. Sammlung, Konzentration
7. Gleichmut

als eine von fünf geistigen Fähigkeiten

1. Vertrauen
2. Energie
3. Sammlung
4. Weisheit
5. Achtsamkeit

In einer Lehrrede, der „Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit“ (Satipatthana Sutta) wird Achtsamkeit anhand von vier Beobachtungsbereichen vermittelt:

  1. der Körper (bewusstes Ein- und Austmen, Körperhaltung, Körpertätigkeiten),
  2. die Empfindungen (angenehm, unangenehm, neutral),
  3. die Geisteszustände (wie: heilsam/unheilsam, gesammelt/nicht gesammelt und emotionale Färbungen wie Freude, Wut oder Langeweile),
  4. die „natürlichen Wahrheiten“:
    • Die Fünf Hemmnisse,
    • die Fünf Aggregate des Ergreifens,
    • die Sechs Sinnesgrundlagen
    • die Sieben Faktoren zur Erleuchung
    • die Vier Edlen Wahrheiten.

    Buddha beschreibt vier „Grenzenlose Geisteszustände“als Kardinaltugenden

  1. Liebevolle Güte (metta, maitri) oder „loving kindness“
  2. Mitgefühl
  3. Mitfreude
  4. Gleichmut

Achtsamkeitspraxis führt durch das Einüben von bedingungsloser Akzeptanz zu einer Haltung von „Liebevoller Güte“. Meditationen der „Liebevollen Güte“ sind meist feste Bestandteile von Vipassana-Kursen.

 

Vipassana

Das Wort Vipassana bedeutet auf Pali „die Dinge sehen, wie sie wirklich sind“. Vipassana-Meditation ist die zentrale und wichtigste Methode des buddhistischen Geistestrainings. Sie dient zur Einübung und Entwicklung von Achtsamkeit. Sie wird auch als Einsichtsmeditation bezeichnet, da ein Geisteszustand kultiviert wird, der eine klare Sicht und eine Erfassung der äußeren Situation und der inneren mentalen und emotionalen Phänomene ermöglicht. Hauptquelle ist der Text der „Satipatthana Sutta“ im Pali Kanon (Theravada Tradition).

Vipassana als Praxis ist unabhängig von Glauben und Weltanschauung und führt über die Auflösung von Konditionierungen und Illusionen zur „Befreiung“.

Zur Technik: Einstieg ist in der Regel die Atembeobachtung. Eine Möglichkeit, mit Abschweifungen vom gewähten Fokus umzugehen ist das „Etikettieren“, das Benennen dessen, was gerade vor sich geht z.B. mit „denken“, um dann zum Fokus z.B. der Atembeobachtung zurückzukehren. Mit der Zeit wird der Fokus der Aufmerksamkeit immer weiter, mit dem Ziel, Achtsamkeit möglicht auch im Alltag aufrecht zu erhalten.

Die wohl bekannteste „Schule“ ist die von Satya Narayan Goenka (geb. 1924 in Myanmar), die weltweit Zehntageskurse anbietet.

Einführung in die Vipassana Meditation von Joseph Goldstein (deutscher Text)

Bhante Gunaratana zu Samatha-Vipassana (Video auf YouTube, 4 Minuten)

 

Thich Nhat Hanh

Thich Nhat Hanh (geb. 1926 in Vietnam) ist als buddhistischer Mönch und Zenmeister Vertreter eines „engagierten Buddhismus“. Er half während des Vietnamkriegs beim Wiederaufbau zerstörter Dörfer, gründete 1966 den „Orden des Interseins“ und schuf in der Nähe von Bordeaux das Praxiszentrum „Plum Village“.

Er betont die Bedeutung einer kontinuierlichen meditativen Praxis, wobei die Achtsamkeitspraxis im Vordergrund steht. Hilfreich ist auch eine Sangha, eine Gemeinschaft, so klein sie auch sein möge, deren Mitglieder einander gegenseitig unterstützen.

Mit „Interbeing“, auf deutsch „Intersein“ meint Thich Nhat Hanh die gegenseitige Abhängigkeit und die Verwobenheit aller Phänomene.

Folgende Formen der Praxis werden gepflegt:

  • Achtsamkeitsübungen
  • Sitzmeditation
  • Gehmeditation
  • Geführte Meditation
  • Kommunikative und soziale Übungen

Video Thich Nhat Hanh zu „mindfulness“ (YouTube, 6 Minuten)

Links zu Thich Nhat Hanh

Yoga

Die klassischen indischen Schriften beschreiben vier Yoga-Wege:

  1. Raja Yoga, auch Ashtanga Yoga: Meditativer Weg
  2. Jnana Yoga: Yoga der Erkenntnis
  3. Karma Yoga: Yoga der Tat, des selbstlosen Handelns
  4. Bhakti Yoga: Yoga der Verehrung/Hingabe

Eher körperbetonte Yoga-Praktiken werden im westlichen Sprachgebrauch unter dem Oberbegriff Hatha Yoga zusammengefasst, eine spezielle Form ist Iyengar Yoga.

Yoga für Skeptiker – ein Neurowissenschafter erklärt die uralte Weisheitslehre (2013). Website zum Buch mit vielen wertvollen weiterführenden Litersturhinweisen.

Achtsamkeit ist vielfach wesentlicher Teil der Praxis. Übungen aus dem Hatha Yoga werden auch in der Methode der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) integriert.

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