achtsam leben:

integrale Achtsamkeitspraxis

Achtsamkeit in Beziehungen: Insight Dialogue

Im „Insight Dialogue“ wird Achtsamkeit und Stille bewusst in der Gegenwart von anderen Menschen und als Teil eines größeren Systems praktiziert.

Sechs Schritte bzw. Elemente des „Einsichtsdialogs“

  1. Innehalten, still werden, achtsam sein (Pause): Automatismen unterbrechen, innehalten, Pause machen, bevor wir sprechen und danach. In dieser Pause sind ein stilles Staunen und die Frage enthalten: „Was entfaltet sich in diesem Moment?“ Die Stille öffnet das Tor zu wahrer Spontaneität. Stille kann transformieren.
  2. Entspannen (Relax): Achtsamkeit ist nicht genug. Stille führt in die Achtsamkeit, wir nehmen Spannungen im Körper wahr und erlauben uns, diesen zu entspannen. Die Instruktion lautet einfach: Entspanne Dich. Der Körper entspannt sich, der Geist wird ruhig – der Geist wird ruhig – der Körper entspannt sich. Die Integration von Achtsamkeit und Ruhe ist das Herz vieler Meditationstraditionen einschließlich Vipassana. Was Entspannung für den Körper ist, ist Akzeptieren für den Geist. Entspannung bedeutet, sich nicht anzustrengen, etwas zu verändern, wir lassen Widerstände los, entspannen uns, Entspannung wird zu „akzeptieren“. Sich in den Moment hinein zu entspannen bedeutet, die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind. Auf der anderen Seite wirken sich Anspannungen in Beziehungen trennend aus. Entspannung öffnet, macht präsent und verfügbar. Entspannung und Ruhe ermöglichen eine neue Qualität von Achtsamkeit. Die Achtsamkeit der Pause und die ruhige, gesammelte Konzentration der Entspannung sind in Balance. Tiefere Einsichten in die Innenwelt werden möglich, aber auch eine andere Wahrnehmung der Außenwelt, anderer Menschen und des „Zwischen“ in Beziehungen. Entspannung kann heilen, was die Pause enthüllt. Akzeptanz kann ganz natürlich zu Liebender Güte (metta, lovingkindness), zu Liebe werden. In der Pause treffen sich Stille und Reaktivität, in der Entspannung begegnen einander Liebe und Leiden.
  3. Sich öffnen (Open): In der Pause steigen wir aus automatischen Gewohnheiten aus, wir entspannen uns mit Akzeptanz in alles, was in Achtsamkeit auftaucht, wir begegenen allem mit freundlicher Rezeptivität. Im dritten Teil, der Öffnung dehnt sich das Gewahrsein auf die Welt rund um uns aus. Das Tor zu Gegenseitigkeit öffnet sich, zur Basis einer interpersonalen Achtsamkeit. Innen – außen – oder beides, das Beziehungsmoment, das „Zwischen“ wird zum Gegenstand der Betrachtung. Die Praxis des Öffnens kann mit einem bewussten Hören beginnen, dann öffnen sich ganz behutsam die Augen, wir werden uns auch der visuellen Eindrücke gewahr. Dies kann anfänglich in der Natur geübt werden. In der Praxis des Übens von Achtsamkeit ist Balance wichtig: Innen – außen, fokussiert und weit.
  4. Vertrauen in die Entwicklung (Trust Emergence): Vertrauen in die Entwicklung wurzelt im Aspekt der Weisheit. Das Objekt der Praxis ist Veränderung,. Entwicklung selbst, wie sich komplexe Dinge spontan entwickeln. Dieses Vertrauen hilft, die Unsicherheit und Vieldeutigkeit der ständigen Veränderung zu bewältigen. Dieser Entwicklung zu vertrauen bedeutet, sich von Zielen zu verabschieden, im Kleinen wie im Großen von Plänen, to-do-Listen und Tagesordnungen. Es geht darum anzuerkennen, dass wir nicht wissen, was sich in der nächsten Sekunde, in der nächsten Stunde, in einer Woche in einem Jahr entwickeln, was zur Entfaltung kommen wird. Es gibt auch einen evolutionären Hintergrund für dieses Vertauen. Üben kann man dieses Vertrauen, indem man der Neugier Raum gibt: „Was geschieht jetzt?“ Stimme Dich in den sich entfaltenden Augenblick ein. Wir können nicht voraussagen, was ein Mensch im nächsten Moment sagt. Erinnere Dich daran, dass Dinge nicht vorhersagbar sind. Vorhersagen haben mehr mit Vorannahmen als mit Wahrheit zu tun. Finde die wahre Weisheit im „Nicht-Wissen“. Allen Watts spricht von „Wisdom of Insecurity“, Suzuki Roshi von „Beginner’s Mind“.
  5. Zuhören (Listen deeply): „Tiefes Zuhören“ öffnet die Sinne, das Herz und den Geist. Achtsames Zuhören bedeutet sich dem Entfalten der Worte hinzugeben, der Präsenz des Anderen. Wir werden zu einem aufnehmenden Feld, das von Worten, Gefühlen und den Energien der Anderen berührt wird, verwurzelt in reinem Gewahrsein. Wir schenken einander unserer Gegenwart, unserer Gegenwärtigkeit, unsere Präsenz. Es gibt verschiedene Schichten, denen ich mich öffnen kann. Ich kann dem Inhalt, dem Sinn, der Bedeutung lauschen, den Worten und Sätzen, den Gefühlen, der Antwort meines eigenen Körpers, der Körpersprache, der energetischen Präsenz des Anderen aber auch den Pausen zwischen den Worten. Man kann aktiv zuhören, einem Tun Raum geben, oder ganz rezeptiv bleiben, das Sein teilen. Für jemanden anderen da zu sein, bedarf einer inneren Stille. Aus dieser Stille kann mit allen Sinnen, mit unserem ganzen Sein und dessen „Verkörperung“, mit unserem ganzen Körper gelauscht werden.
  6. Das Wahre aussprechen (Speak the Truth): Das Wahre meint die subjektive Wahrheit, das Ausdrücken dessen, was wir im Augenblick wahrnehmen. Es gibt keinen Druck, etwas zu sagen, wir sagen nichts, was nicht nützlich oder angemessen ist, wir sprechen aus einer Haltung der Güte. Dazu müssen wir nach innen hören, in Kontakt sein mit uns selbst. Wir beginnen damit, auf den Sinn, auf Bedeutung zu achten, Pausen zu nutzen zu beobachten, wie Gedanken zu Worten werden. Wir achten auf die „Wahrheit des Körpers“. Wie ist die Resonanz der Worte im Körper, nachdem wir sie ausgesprochen haben?

Quelle: Kramer (2009)

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