achtsam leben:

integrale Achtsamkeitspraxis

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist die beabsichtigte
Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Gegenwart d.h. auf den aktuellen Moment,
auf die gegenwärtige Erfahrung. Achtsamkeit bedeutet das bewusste Beobachten, wobei die Beobachtung aus einer bestimmten Haltung heraus erfolgt. Diese ist

  • wohlwollend, akzeptierend,
  • nicht urteilend, nicht wertend,
  • nicht einteilend oder kategorisierend,
  • nicht identifiziert mit dem Objekt der Beobachtung, jedoch unmittelbar an der Erfahrung teilhabend,
  • unvoreingenommen, offen,
  • die Welt wie mit den Augen eines Kindes betrachtend
    („Anfängergeist“).

Entscheidend ist dabei die Bewusstheit über den Prozess des Beobachtens selbst, ein Gewahrsein, des gewahr Seins, unabhängig von den beobachteten Objekten, unabhängig davon, ob der Fokus der Aufmerksamkeit weit oder eng ist. Bildhaft gesprochen stellt das „Erwachen des inneren Beobachters“ das Essentielle der Achtsamkeit dar.

Anmerkung: Es gibt unterschiedliche bzw. zum Teil widersprüchliche Definitionen von Achtsamkeit. Die vorliegende ist auf dem anwendungsbezogenen westlich psychotherapeutischen Hintergrund des Autors zu sehen.


rad_achtsamkeit

Abbildung: Das Rad der Achtsamkeit (Wheel of awareness, vgl. Siegel 2007)

Das „Rad der Achtsamkeit“ besteht aus drei Teilen:

1. Am Umfang des Rades finden sich auf acht Sektoren die potentiellen Objekte der Aufmerksamkeit.

a. Aussenwelt: Die „fünf Sinne“ (sehen, hören, tasten/berühren, riechen, schmecken) vermitteln Informationen über die Aussenwelt.

b. Innenwelt: Der „sechste Sinn“ vermittelt Informationen aus unserem Körper, dient der Wahrnehmung der körperlichen Innenwelt, der Interozeption. Der „siebte Sinn“ ermöglicht es, Aspekte der psychischen Innenwelt wahrzunehmen wie Gedanken, Gefühle, Intentionen, Bilder, Überzeugungen, Träume etc. Er kann als Metakognition verstanden werden, als Fähigkeit, den Geist wahrzunehmen (engl. „Mindsight“).

Als „achten Sinn“ schlägt Siegel einen „beziehungsbezogenen“ Sinn vor. Dieser Sektor steht für unseren Sinn für Beziehungen, unsere Verbundenheit mit anderen Wesen.

2. Die Speichen des Rades repräsentieren den mit Absicht gewählten Fokus der Aufmerksamkeit auf Aspekte der Sektoren des Umfanges. In der Achtsamkeitspraxis wird geübt, sich jeweils auf ein gewähltes Objekt zu konzentrieren, gleichsam sich bewusst einer Speiche zu bedienen. Auf der anderen Seite kann die Aufmerksamkeit von aussen (ab)gelenkt werden, indem Reize aus den Sektoren diese auf sich ziehen.

3. Die Nabe des Rades symbolisiert die Fähigkeit, sich des Ziels der Aufmerksamkeit bewusst zu sein, sie zu lenken bzw. sich auch darüber bewusst zu sein, wenn sie abschweift. Man könnte von Bewusstheit über die Aufmerksamkeits(lenkungs)prozesse selbst, von „Metabewusstheit“ sprechen. Achtsamkeitspraxis stärkt diese und damit die Nabe.

Auf einer anderen Ebene symbolisiert die Nabe auch „reines Gewahrsein“, jenen Hintergrund, auf dem alle Objekte erscheinen. Es ist jenes (letzte) Wahrnehmende, das sich selbst aber jeder Beobachtung entzieht. Es ist unabhängig von Objekten.

Die Aufmerksamkeit kann also grundsätzlich fokussiert und gerichtet oder aber ungerichtet, offen, d.h. „wahllos“ sein (choiceless awareness bzw. open mind), d.h. jede Erfahrung wird uneingschränkt einbezogen. Chögyam Trungpa hat eine weit offene Geisteshaltung als „Panorama-Bewusstheit“ charakterisiert.

Die Beobachtung kann sich auch auf die Veränderlichkeit der Phänomene richten.

In Achtsamkeit werden die Wahrnehmung und automatisch erfolgende gefühlsmäßige Reaktionen bewusst von Reaktionen auf diese Erfahrung auf der Handlungsebene getrennt. Impule können beobachtet werden, Automatismen werden unterbrochen. Beispielsweise wird ein Juckreiz beobachtet, ohne gleich (automatisch) zu kratzen. Dabei wird häufig die Erfahrung ermöglicht, dass dieser von selbst wieder verschwindet, oder eine störende Fliege ohne eigenes Zutun wieder wegfliegt.

Achtsamkeit kann als definierte Übung praktiziert werden, durch regelmäßiges Üben aber selbstverständlich und mühelos werden. Sie wird dann als Haltung in den Alltag integriert.

Achtsamkeit ist grundsätzlich in jeder Lebenslage möglich, sie ist absichtslos, verfolgt kein Ziel, grenzt nichts aus. Sie beobachtet weil etwas da ist, nicht damit es vorübergeht. Nach der „Paradoxen Theorie der Veränderung“ geschieht Veränderung allerdings häufig gerade dann, wenn wir aufgehört haben, etwas mit allen Mitteln verändern wollen und seine Unveränderbarkeit akzeptiert haben.

Achtsamkeit kann zweierlei bewirken:

1. Ruhe im Sinn von „Geistesruhe“,

2. Einsicht im Sinne von „Wissensklarheit“, einem umfassenden Verstehen menschlicher Erfahrungen wie dem Erkennen eigener Automatismen (Reaktions-, Denk- und Verhaltensmuster) aber auch der menschlichen Existenz.

Der Meditationslehrer Shinzen Young weist auf folgende Auswirkungen einer regelmäßigen und ausdauernden Achtsamkeitspraxis hin:

  • ich bin in den Begegnungen mit anderen Menschen mehr präsent
  • ich lerne, mich durch Introspektion selbst besser zu verstehen und meinen (spirituellen) Weg effizienter zu verfolgen
  • ich bin kreativer
  • meine intellektuelle Kapazität erhöht sich
  • Erfahrungen körperlichen und emotionalen Unbehagens verursachen weniger Leiden
  • körperliche und seelische Freuden werden erfüllender
  • ich kann einem unheilsamen Verlangen besser widerstehen.

(nach „Break through Pain“, 2004, S. 23)

Achtsamkeits- bzw. Meditationspraxis auf einem spirituellen Entwicklungspfad führt zu verschiedenen Stadien des Bewusstseins.

 

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