achtsam leben:

integrale Achtsamkeitspraxis

Entwicklungsperspektive: Stadien einer Meditationspraxis

Daniel Brown (1988) vergleicht in „Stadien der Meditation in kulturübergreifender Perspektive“ Meditatitationspfade dreier Traditionen: den Hindu-Yoga Text Patanjalis, einen Text aus dem Theravada- und einen aus dem Mahayana-Buddhismus. Die Traditionen stimmen in der Einteilung in sechs Stadien überein:

  1. Vorbereitende ethische Schulung (Einstellung, Affekt, Verhaltensschemata)
  2. Vorbereitende Geist/Körper-Schulung (Denken)
  3. Konzentration mit Stütze (Wahrnehmung)
  4. Konzentration ohne Stütze (Selbstsystem)
  5. Einsichtsmeditation (Raum-Zeit-Matrix)
  6. Außergewöhnlicher Geist und Erleuchtung (Kosmos)

Jedes dieser Stadien kann wieder in drei Unterstadien unterteilt werden, sodass sich eine Struktur von insgesamt achtzehn Stadien entfaltet.

 

1. Vorbereitende ethische Schulung (Veränderungen von Einstellungen, Affekt und Verhalten)

a. Die gewöhnlichen Vorbereitungen, Einstellungsänderung: Förderung des Gefühls von „Selbst-Effizienz“ und der Motivation zur Praxis.

b. Die außergewöhnlichen Vorbereitungen, intrapsychische Veränderungen: Die Aufmerksamkeit wird auf den Strom des Bewusstseins gerichtet, Achtsamkeit geübt. Reflexion des Ziels der Praxis. Formales Studium der philosophischen Grundlagen der Praxis. Annahmen und Erwartungen werden geprägt. Häufig treten in diesem Stadium schmerzliche Affekte zutage, die sich aber im Laufe der Praxis verändern. Es stellen sich angenehme Zustände ein.

c. Die fortgeschrittenen Vorbereitungen, Verhaltensänderungen: Der Anfänger lernt, schädliches Verhalten zu erkennen und das Entgegengesetzte zu üben. Es gibt „Bezähmungen“ und „Verpfichtungen“. Es ändern sich Lebensstil, soziales Verhalten, sensorischer Input und der Grad der Bewusstheit.

 

2. Vorbereitende Schulung von Körper und Geist (Veränderungen des Denkens)

a. Schulung der Körperbewusstheit: „Ablenkende Aktivitäten“ im Strom des Bewusstseins werden identifiziert. Es wird Bewusstheit für körperliche Prozesse geschult. Rückzug an einen geschützten Ort, Einnehmen einer stabilen Haltung. Vervollkommnung der Haltung. Meditationsstellungen sind nicht entspannend im Sinne einer verringerten Muskeltätigkeit, sondern stabilisierend im Sinne einer erhöhten Regelmäßigkeit der Verteilung der Muskelaktivitäten.

b. Beruhigung von Atem und Denken: Nach der Beruhigung des Körpers ist das Ziel „die Bewegung des Denkens“, den inneren Dialog zu beruhigen und den Atemrhythmus willentlich zu kontrollieren. Empirisch konnten eine erhöhte Regelmäßigkeit des Atems und eine Reduktion des gewöhnlichen Denkens nachgewiesen werden. Der erste Zustand echter „Kontemplation“ kann sich einstellen.

c. Umstellung des Bewusstseinsstroms: Der Meditierende ist nun in der Lage, „Gewahrsein“ in die Untersuchung seines Milieus einzubringen. Er lernt, sich von dem Einfluss der Sinnesobjekte loszulösen und lenkt sein Gewahrsein nach innen, auf den Strom des Bewusstseins. Er wird weniger empfänglich für äußere Geschehnisse und empfänglicher für innere. Die Aufmerksamkeit geht vom Inhalt des Bewusstseinsstrom zum Prozess, zur Struktur. Denken wird deautomatisiert.

 

3. Konzentration mit Stütze (Veränderungen der Wahrnehmung)

a1. Angestrengte Konzentration auf ein äußeres Objekt: In stabiler, bequemer Haltung wird für ausgedehnte Zeiträume ein äußeress Objekt des Gewahrseins fixiert. Mit der Zeit kann das Gewahrsein immer länger aufrechterhalten und fokussiert bleiben. Die tatsächlichen physischen Merkmale des Objekts werden ungefiltert wahrgenommen, Kategorisierungen unterbleiben.

a2. Aufrechterhaltung unangestrengter Konzentration auf ein inneres Objekt: Das Gewahrsein wird so geschult, dass es angesichts der potentiellen Ablenkungen des Bewusstseinsstroms auch bei einem inneren Objekt verweilen kann. Solche innere Objekte können z.B. Visualisierungen oder Repräsentationen subtiler Energieströme im Körper sein, später sind es komplexere Bilder Buddhas oder von Gottheiten. Das Bild wird zunächst stabiler (Objektkonstanz), dann instabil, als in ständigem Wandel erlebt.

b. Entspanntes Erkennen wechselnder innerer Ereignisse des ausstrahlenden Samens, Mustererkennung: Das Objekt des Gewahrseins taucht in einer neuen Form auf, genannt der „Same“. Er enthält kombinierte Informationen aus allen Sinneskanälen, verändert sich ständig, scheint Licht auszustrahlen. Der Konzentrationsstil wird auf „Entspannung“ umgeschaltet. Die Muster werden mit zunehmender Fähigkeit zu einer „Lichtmasse“, dann zu einem kostbaren Edelstein („Anfänger Samadhi“). Spezifische Muster, schmerzliche emotionale Zustände verschwinden.

c. Anhalten des Geistes: Es ist schwierig, das Gewahrsein des verdichteten Samens aufrecht zu erhalten. Der Meditierende muss lernen, die subtile Aktivität, durch die Sinneseindrücke registriert und verarbeitet werden – d.h. die Welt konstruiert wird – und die gewöhnliche Musterwahrnehmung abzubauen. Es geht darum, Gewahrsein bar jeder Aktivität zu entwickeln, es wird z.B. auf den leeren Raum gerichtet. Das Gewahrsein bleibt kontinuierlich, es entsteht ein Zustand tiefer Sammlung: „Samadhi“.

 

4. Konzentration ohne Stütze (Veränderungen des Selbst)

a. Einstimmung in subtile Wahrnehmung, Entdeckung des Lichtflusses: Ein neuer Beobachtungsstandpunkt wird entwickelt und stabilisiert. Es wird eine neue Dimension der Geschehnisse beobachtet, nämlich das Substrat gewöhnlicher Wahrnehmung: Dieses wird als Fließen von Licht wahrgenommen. Es erfordert große Anstrengung, sich dieses Lichts gewahr zu werden, dann eine beträchliche Fertigkeit, sich dieses subtilen Fließens von Licht gewahr zu bleiben. Das Selbstsystem verändert sich, die Bewusstheit ist immer weniger mit groben oder subtilen Erfahrungsinhalten identifiziert, immer mehr mit der Aktivität von Erfahrung selbst. Der „Deuter“ der Sinneswahrnehmung geht verloren.

b. Loslassen, um das subtile Fließen des Lichts zu beobachten: Alle Aktivitäten des Selbst als handelnde Instanz (richten der Aufmerksamkeit, zurückweisen, sich bemühen etc.) werden losgelassen. Es wird ruhig, nichts stört mehr die Untersuchung des Lichtflusses, er wird zum Strom.

c. Umstrukturierung der Perspektive, Gleichzeitigkeit: Wenn die gewöhnlichen Beobachtungsstandpunkte – Selbstrepräsentation und handelndes Selbst – wegfallen, werden eine Reihe von alternativen Beobachtungsstandpunkten möglich. Der Meditierende lernt, einem bestimmten Beobachtungsstandpunkt „Gewicht zu geben“, aber auch dem beobachtbaren Geschehnis. Er lernt, in sehr rascher Folge das Gewicht von einem auf das andere zu schieben, hin und her zu pendeln, bis hin zu „gleichzeitigem Gewahrsein“. Das Gewahrsein wird von Selbst-Strukturen befreit. Der gewöhnliche Beobachter geht verloren, eine neue „Gleichzeitigkeits-Perspektive“ wird gewonnen.

 

5. Einsichtsmeditation (Veränderungen von Zeit und Raum)

a. Hochgeschwindigkeitsanalyse des subtilen Flusses, Einsicht: Der Meditierende ist nun in der Lage, wahrzunehmen, wie sich Ereignisse im Strom entfalten, und er hat einen neuen Beobachtungsstandpunkt. Jetzt kann er Einsicht in die Art und Weise erlangen, wie die Welt und gewöhnliche Erfahrung konstruiert werden. Einsichtsmeditation ist eine „Hochgeschwindigkeitsanalyse“ des Stroms, der sich in der Zeit als Abfolge von kontinuierlichen oder diskontinuierlichen Bewegungen entfaltet. Der Meditierende analysiert jede einzelne Bewegung. Diese laufen so rasch ab, dass sie in der gewöhnlichen Wahrnehmung unbemerkt bleiben. Der Strom befindet sich ständig im Prozess des Wandels. Es gibt „Such-Aufgaben“ für verschiedene „Einsichten“: „Nicht-Substantialität“, „bedingtes Entstehen“, Wandel. Der Meditierende kann z.B. die „Leere“ der Person untersuchen. Da in der unmitttelbaren Erfahrung das Selbst nicht aufgefunden werden kann, wird die „Nicht-Wesenheit“ des Selbst erschlossen. Es gibt Analogien der Einsichtsmeditation mit dem, was Tachistoskopforscher als Lösung einer Hochgeschwindigkeits-Suchaufgabe bezeichnet haben.

b. Hochgeschwindigkeitsanalyse grober mentaler Inhalte, Entstehen und Vergehen werden beobachtet: Der Meditierende versucht nun, die neu erreichten, verzerrungsfreien Einsichten inmitten der groben mentalen Inhalte – Wahrnehmungen, Empfindungen, Gedanken, Gefühle – aufrecht zu erhalten. Er kann das Gewahrsein auf alles richten, was immer auftauchen mag. DIes ist wieder eine Hochgeschwindigkeitssuchaufgabe, erschwert durch die neue Art komplexer Ereignisse. Die Einsichten werden auf dieser neuen Stufe bestätigt bzw. bleiben erhalten. Der Meditierende hat die Fertigkeit, sein Gewahrsein auf mehrere Arten von Geschehnissen zu verteilen, konzentriert sich nicht nur auf den Inhalt, sondern wird sich auch des Prozesses gewahr, durch den Ereignisse in der unmittelbaren Erfahrung auftreten und vergehen. Schließlich wird der genaue Augenblick, in dem ein Ereignis ins Sein tritt und aus dem Sein verschwindet, sehr klar, sein „Kommen und gehen“. Analog dazu kann in der Tachistoskop-Forschung Hochgeschwindigkeits-Suche gelernt und immer schneller werden.

c. Hochgeschwindigkeitsanalyse von temporalen Wechselwirkungen, Entstehen und Vergehen, Vernetzung: Der Meditierende beginnt die sehr subtilen kausalen und räumlichen Beziehungen zu untersuchen, die in die gewöhnliche Wahrnehmung eingebettet sind. Dazu benutzt er eine neue Kategorie von Einsicht, die oft paradoxer oder dialektischer Natur ist: Die Kategorie des Verschwindens und die kausale Beziehung zwischen Gleichheit und Wandel. In einer „Einheitserfahrung“ wird die gewöhnliche Raum-Zeit-Matrix transzendiert, und das Gewahrsein öffnet sich einer anderen Ordnung, in der alle potentiellen Ereignisse des Universums und das Gewebe potentieller Zusammenhänge zwischen diesen Ereignissen hervortreten.

 

6. Außergewöhnlicher Geist und Erleuchtung (Veränderungen der Sicht des Kosmos)

a. Gewöhnliche Wahrnehmung und außergewöhnlicher Geist, subtile karmische Vernetztheit: Die Öffnung des Gewahrseins für die Ebene jenseits der Raum-Zeit-Matrix stellt eine außerordentliche Verschiebung im Bewusstsein dar, zu dem, was „außergewöhnlicher Geist“ genannt wird. Der Meditierende muss lernen, den „außergewöhnlichen“ und den „gewöhnlichen“ Geist zu paaren, eine „Gleichzeitigkeit des Geistes“ zu üben. Der Meditationszustand, der sich daraus ergibt, ist auf paradoxe Weise in und außerhalb der Zeit. Der Meditierende erkennt, dass jede Handlung entsprechend der Lehre von Ursache und Wirkung in der Zeit manifest wird. Er sieht auch, dass es möglich ist, die karmische Kette zu unterbrechen. Das Gewahrsein ist ohne Reaktivität und Gedanken über die ursprüngliche Erfahrung. Die Paradoxa Entstehen/Vergehen, Eins/Viele, aufeinanderfolgend/gleichzeitig sind sämtlich auflösbar durch ein Verstehen der subtilen, akausalen Interaktionen des außergewöhnlichen Geistes.

b. Beziehung zwischen dem außergewöhnlichen Vernetzten Geist und dem erleuchteten Geist: Der Meditierende hat nun Einsicht in die Natur der karmischen Aktivität des außergewöhnlichen Geistes und seine Beziehung zu gewöhnlichen mentalen Ereignissen gewonnen. Das Gewahrsein richtet sich nun auf sich selbst. Da es nichts mehr hat, auf das es sich richten kann, wird Erleuchtung zum Gegenstand des Gewahrseins. Es gilt, alle künstlichen Aktivitäten zu unterlassen, um die Hervorbringung von Erleuchtung wahrscheinlicher zu machen. Erleuchtung tritt als Abfolge von drei augenblicklichen Verschiebungen imBewusstsein auf. (1) Basis-Ereluchtung: Alle Ereignisse, sowohl Inhalt als auch Aktivität fallen ab. Was bleibt? Offenes Gewahrsein. Die Verbindung zwischen Ereignis und Gewahrsein wird dauerhaft durchtrennt. Man kann von „kosmischem Bewusstsein“ sprechen. (2) Pfad-Erleuchtung: Die beobachtbaren Ereignisse kehren zurück, werden jetzt aber von einem anderen Ort des Gewahrseins gesehen. Da es nicht mehr mit den beobachtbaren Ereignissen verbunden ist, kann nichts mehr den natürlichen Ablauf der Ereignisse stören, kein neues Karma wird erzeugt. (3) In der Fruchttragen-Erleuchtung erfolgt eine dauerhafte Transformation des Bewusstseins. In einer Tradition wird der Meditierende zu den „drei Buddha-Körpern“ auf verschiedenen Ebenen, in einer anderen erlebt der Meditiernde tiefen Frieden und Stille ohne äußere mentale Aktivität, in der dritten strömen alle möglichen Formen von Wissen und Existenzen hervor wie aus einer vollen Regenwolke.

c. Rückkehr mentaler Inhalte bei verschobenem Ort des Gewahrseins: Nach diesen drei Augenblicken der Erleuchung kehrt die gewöhnlcihe Raum-Zeit-Erfahrung mit ihren groben mentalen Inhalten zurück. Das Bewusstsein entfaltet sich wie im Wachzustand vor jeglicher Meditationserfahrung. Trotdem ist sich der Meditierende bewusst, dass eine tiefgreifende Veränderung eingetrteten ist. Der Inhalt der gewöhnlichen Erfahrung kehrt zwar zurück, die Perspektive ist aber jetzt sehr anders.

 

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