Strukturelle und funktionelle Veränderungen durch Achtsamkeit/Meditation

  • Britta Hölzel und ihre Gruppe (2011) beleuchten die Vielzahl von neurowissenschaftlichen Befunden, die rund um Achtsamkeit erhoben wurden, aus der Perspektive ihrer Wirkmechanismen. Da ist zunächst die Aufmerksamkeitslenkung, die mit dem vorderen cingulären Cortex in Verbindung gebracht wird. Veränderungen der Körperwahrnehmung werden in der Inselregion und dem temporoparietalen Übergang verortet. Die durch Achtsamkeit leichter mögliche emotionale Neubewertung von Reizen ist von der Funktion dorsaler Regionen des präfrontalen Cortex abhängig. Andere Komponenten der Emotionsregulation durch Achtsamkeit wie die Nicht-Reaktivität oder die Löschung konditionierter Reaktionen bzw. von Gedächtnisinhalten werden mit Funktionen des ventromedialen präfrontalen Cortex, des Hippocampus und der Amygdalae verknüpft. Der in der Achtsamkeit zentrale Perspektivenwechsel im Sinne des Einnehmens einer Beobachterposition wird mit dem medialen präfrontalen Cortex, dem cingulären Cortex, der Insel und dem temporoparietalen Übergang in Zusammenhang gebracht. In einer großen Zahl von Studien zeigen sich bei einer Schulung der Achtsamkeit Veränderungen in all diesen Gehirnregionen [CrossRef]
  • Eine differenzierte Zusammenschau der Ergebnisse vieler Studien findet sich bei Fadel Zeidan (2014). Sie lässt die Bandbreite des Potentials erahnen, das sich durch unterschiedliche Intensitäten einer Achtsamkeitspraxis erschließen lassen.
    • In Zuständen von Achtsamkeit ohne besondere Schulung etwa beim Benennen von Emotionen oder bei erhöhtem Körpergewahrsein mit verringertem Gedankenwandern finden sich Aktivierungen im präfrontalen Cortex (PFC), eine Hemmung der Amygdalae und eine verringerte Aktivität des Default-Mode-Netzwerks (DMN).Nach einem kurzen Achtsamkeitstraining (< 1 Woche) finden sich ebenfalls erhöhte Aktivitäten in Regionen, die beim Körpergewahrsein eine Rolle spielen: in der rechten vorderen Inselregion und in sekundären somatosensorischen Rindenarealen (S2). Die Aktivität des DMN ist reduziert (weniger Gedankenwandern), der orbitofrontale Cortex aktiver (Belohnungszentren) ebenso der rostrale anteriore cinguläre Cortex, rACC (gemeinsam mit dem PFC verbesserte kognitive Kontrolle und Emotionsregulation) und die Amygdalae sind weniger aktiviert (Emotionsregulation).Nach einem achtwöchigen MBSR-Kurs finden sich erhöhte Aktivierungen im PFC (kognitive Kontrolle), in der rechten vorderen Insel und in S2. An strukturellen Veränderungen finden sich eine verringerte Dichte der grauen Substanz in den Amygdala, eine erhöhte Dichte im Hippocampus (Gedächtnis), am temporoparietalen Übergang (TPJ) und dem hinteren cingulären Cortex (PCC) (selbstreferentielle Funktionen).Bei Langzeitmeditierenden (>1000 Stunden) finden sich während der Meditation Aktivierungen im rACC, in der rechten vorderen Insel, im Putamen und im PFC; das DMN ist deaktiviert. Überdauernde Veränderungen fanden sich in S2, im Thalamus und in der hinteren Inselregion, weniger Aktivierung im PFC und im DMN. nach: Zeidan, F. (2015) The Neurobiology of Mindfulness Meditation. In Brown, K.W., Creswell, J.D. & Ryan, R.M. (eds). Handbook of Mindfulness: Theory, Research, and Practice. New York: Guilford Press 2015; S. 171-189 [pdf-download]
  • Interview mit Ulrich Ott über Meditationsforschung (2010) [Video]
  • Langzeit-Meditierende unterscheiden sich von altersmäßig vergleichbaren Kontrollpersonen in MRI-Untersuchungen durch eine höhere Dichte der grauen Substanz in caudalen Hirnstamm-Regionen. Diese Regionen haben mit cardiorespiratorischer Regulation zu tun (Vestergaard-Pulsen et al 2009) [CrossRef]
  • 22 Langzeit-Meditierende zeigen im Kontrollgruppenvergleich (nach Alter und Geschlecht ausgesucht) in einer voxel-basierten Morphometrie ein erhöhtes Volumen der grauen Substanz im rechten orbito-frontalen Cortex, (im rechten Thalamus, im linken gyrus temporalis inferior) und im rechten Hipppocampus (Luders et al 2009) [CrossRef]
  • Cognitive Neuroscience of Mindfulness Meditation: Vortrag von Phillipe Goldin bei Google 2008 [Video]
  • 20 Vipassana-Erfahrene im Kontrollgruppenvergleich: Höhere Konzentration der grauen Substanz in der rechten vorderen Insula, im unteren Gyrus temporalis und dem rechten Hippocampus, gemessen mittels MRI und voxel-basierter Morphometrie (Hölzel et al 2008) [PubMed]
  • Übersichtsarbeit (Dissertation) Achtsamkeitsmeditation: Aktivierungsmuster und morphologische Veränderungen im Gehirn von Meditierenden (Hölzel 2007) [pdf-download]
  • Pilotstudie an 6 Borderline-Patientinnen mit 5 sequentiellen fMRI-Scans im Laufe einer 12-wöchigen stationären Behandlung mit DBT: Die hämodynamische Reaktion auf negative Stimuli nahm im rechten vorderen, im temporalen und hinteren Gyrus Cinguli ab, ebenso in der linken Insel. 4 Personen zeigten verringerte Reaktionen in der linken Amygdala und in beiden Hippocampi (Schnell & Herpertz 2007) [CrossRef]
  • Zunahme der grauen Substanz (Hölzel et al 2007) [CrossRef] [pdf-download]
  • Voxel-basierte Morphometrie an 13 Zen-Meditierern im Kontrollgruppenvergleich: Keine altersbedingte Abnahme der grauen Substanz am meisten ausgeprägt im Putamen, einer Struktur, die mit Aufmerksamkeitsleistungen in Zusammenhang gebracht wird (Pagnoni & Cekic 2007) [PubMed]
  • fMRI während des Benennens: Zunahme der Aktivität präfrontal, Abnahme in den Amygdala (Creswell et al 2007) [CrossRef]
  • Meditation and the Neuroscience of Consciousness (Lutz, Dunne & Davidson 2007) [pdf-download]
  • Zunahme der grauen Substanz (Lazar et al 2005) [pdf-download]
  • Höhere Gamma-Aktivität im EEG, Synchronisierung über größeren Hirnarealen (Lutz 2004) [CrossRef] [pdf download]
  • Asymmetrien in Frontalregionen des Gehirns im EEG und Aktivierung des Immunsystems (Davidson et al 2003) [CrossRef]
  • Übersichtsarbeit: Veränderungen der Neurotransmitter im Gehirn bei Meditation (Newberg & Iversen 2003) [Crossref] [pdf-download]
  • Hypothesen zu einem Achtsamkeits-Dissoziations-Kontinuum und zur Rolle verschiedener Abschnitte des Gyrus Cinguli. So ist in hypnotischer und peritraumatischer Dissoziation der rostrale Teil des rechten Gyrus Cinguli aktiviert. EMDR und Achtsamkeit verändern diese Muster (Corrigan 2002) [CrossRef]
  • Eine Übersicht zu „Gehirn und Achtsamkeit“ (work in progress)

Kritische Stimmen

Als Gegenbewegung zur Überbewertung von Befunden bildgebender Verfahren melden sich kritische Stimmen.

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